| Was
beim Halten von anatolischen Hirten-
hunden als Familienbegleithund unbedingt zu beachten ist
Meine persönlichen Erfahrungen sind limitiert. Es begann mit
dem Anruf eines in der Schweiz lebenden bosniakischen Hundebesitzers,
der zwei Karabash-Rüden (einer rund 3 Jahre, der andere knapp
ein Jahr alt, beide nicht kastriert) besitzt und der für seine
Familienangehörigen und Angestellten eine Ausbildung wollte.
Ich verliebte mich beim ersten Vorstellungsgespräch sofort
in die 2 Hunde, die mich nach kurzer, offenbar positiver Prüfung
wert fanden, auf einem teuren Sofa sitzend mir mehrmals das Gesicht
abzuschlecken. Ich erwähne diese Situation deshalb so ausführlich,
weil sie eindeutig die immer wieder vorgefasste Meinung zur Hundehaltung
und -Ausbildung widerlegt:
Alle Hunde - also auch der Karabash - sind nicht so dumm, uns als
ihresgleichen zu betrachten! Die Theorien bezüglich Mensch
als Alpha-Tier und dem Omega-Hund sind schlichtweg falsch und als
immer wieder abgeschriebener Quatsch endgültig abzutun. Wir
haben übrigens auch nicht vier Läufe und schmecken nicht
wie andere Vierbeiner. Wer weiterhin solchen Unsinn erzählt,
unterschätzt gewaltig die Intelligenz unserer Hunde. Auch wenn
ich über einen liegenden Karabash/Kangal hinweg steige (was
wir regelmässig praktizieren), verliere ich nichts von meiner
Autorität.
Um von solchen Hunden akzeptiert zu werden, braucht es innere Sicherheit.
Kleinste Schwächen werden vom Hund sofort aufgenommen - er
zieht seine Konsequenzen und geht einfach seiner Wege. Er ignoriert
einen schlichtweg.
Anatolische Hirtenhunde sind - trotz ihrer primären Züchtung
als Hirtenhunde - bei früher Angewöhnung, artgerechtem
Umfeld (d.h. grossem, eingezäuntem Garten und langen Spaziergängen)
problemlos als Familienhunde zu halten. Doch Erfahrungen im Halten
von Hirtenhunden sind m. E. zwingend.
Nachdem wir beträchtliche Fortschritte in der sanften Leinenführung,
dem Freilauf und im Abrufen machten, konnte ich in verdankenswerter
Weise in Deutschland bei der Familie Gellrich und bei Frau Köpke
weitere Beobachtungen und Tipps sammeln, so dass sich nach ausführlichem
Literaturstudium folgende Grundregeln im Umgang mit dem anatolischen
Hirtenhund (im Folgenden mit AH abgekürzt) abzeichnen:
Der Besitzer muss genügend Toleranz aufbringen, um seine eigene
Werteinschätzung mit dem Wesen des anatolischen Hirtenhundes
in Deckung zu bringen. Der Hundehalter muss sich im Klaren sein,
dass er keinen unterwürfigen Hund hat, sondern einen, der genau
weiss, was er will.
Der türkische Hirtenhund wird also Konfrontationen mit anderen
Hunden nicht aus dem Wege gehen - was nicht gleichbedeutend mit
Streitsuchen ist. Er will einfach der unangefochtene Boss in der
Hundemeute sein. Auf den Menschen übertragen, heisst das, dass
er sofort Machos oder sonstige Möchtegerne durchschaut - und
nicht akzeptiert. Er akzeptiert nur einen starken zweibeinigen Führer,
dessen Handeln dem AH nachvollziehbar ist.
Der Hundebesitzer akzeptiert, dass der AH Selbstständigkeit
gewohnt ist, und dass man keinesfalls seinen Willen brechen kann
und soll - sonst ist die Katastrophe programmiert.
Daraus leitet sich zwingend ab, dass Standard-Hundetrainings und
- Trainer versagen. Man muss sich im Klaren sein, dass die Erziehungsmöglichkeiten
limitiert und nicht vergleichbar sind mit denen anderer Hunde -
der AH tut etwas, weil es ihm einleuchtet oder weil er seinem Zweibeiner
einen Gefallen tun will. Geht etwas gegen seinen ausgesprochenen
hoch entwickelten Verstand, verweigert er schlicht und einfach den
Gehorsam und trollt sich weg. Für jeden Hundetrainer ist es
deshalb eine besondere Auszeichnung, wenn der AH auf seine Trainingsmethoden
anspricht und Fortschritte macht!
Alles entscheidend ist ein möglichst früh beginnendes
Training, das Rücksicht nimmt auf die Eigenarten des AH. In
einer "normalen" Hundeschule hat ein AH nichts zu suchen.
Frühzeitig muss mit dem Kommando "HIER" oder "KOMM"
das zuverlässige Abrufen begonnen werden. Auch hier ist jedes
Befehlbefolgen zu belohnen. Wenn dieser Befehl nicht sitzt, wandert
man allfällig stundenlang hinter seinem Hund her.
Der Hund braucht einen grossen eingezäunten Garten, den er
nötigenfalls bis auf seinen letzten Bluttropfen verteidigen
wird. Zwischendurch kann man den AH ruhig für 2-3 Stunden in
einem geräumigen Zwinger belassen, aber dann muss für
genügenden Freilauf gesorgt werden. Sein Territorialschutzdenken
kann - muss aber nicht - Probleme schaffen, wenn man in den Urlaub
fahren will (er beschützt dann auf einmal den Hotelpark).
Einige HA sind extrem dämmerungsaktiv (Schafe werden gerne
in der Dämmerung von Wildtieren angegriffen) und können
dann auch einmal laut werden (man hört sie über Kilometer).
Also, man hat entweder sehr tolerante Nachbarn oder der Nächste
ist weit weg (dürfte bei uns schwer zu machen sein).
Dank dem imperativen Schutzverhalten kann man ruhig auf jede andere
Sicherheitseinrichtung verzichten und Türen wie Fenster tagelang
offen halten.
Es braucht viel Zeit und Geduld, bis man einen AH ohne Leine ausführen
kann, aber es ist machbar. Der Hundeführer muss eine gute Beobachtungsgabe
haben, um nicht nur die Umgebung, sondern auch seinen Hund zu kontrollieren.
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Stundenlanges Benützen des Handys und Herumquatschen verbieten
sich also von selbst. Der Hund muss stets beaufsichtigt werden - man
vergesse nie, dass man keinen Schosshund führt.
AH sind extrem neugierig. Das äussert sich darin, dass sie auch
während des Hundetrainings stets die Umgebung im Auge behalten.
Den sonst stur geübten Augenkontakt kann man beim
AH schlicht vergessen. Er ist nie unser Sklave, der uns abgöttisch
anhimmelt, sondern ein selbstbewusster Hund mit einem genetisch klar
fixierten Schutzauftrag - da gehört der periodisch rundschweifende
Blick dazu.
Auf neutralem Boden spielt der AH auch einmal mit einem Artgenossen
- aber erst, nachdem er festgestellt hat, dass von diesem keine Gefahren
drohen. Mein MIRKO spielte - trotz seiner 13 Jahre - stundenlang mit
einer AH-Dame, die sich seine Anmache gefallen liess. Das Resultat
war, dass MIRKO nachher kaum noch laufen konnte und fast auf dem Sprunggelenk
daher kam. Was Liebe alles bewirken kann!
Wer die zwischen Hunden angewendeten Beschwichtigungs-signale nicht
oder ungenügend kennt, sollte das Zusammen-bringen eines AH mit
anderen Hunden einer darin erfahrenen Person überlassen. Nochmals:
Der AH greift nie grundlos und ohne Anzeichen seiner Antipathie an,
aber wenn er es tut, sind ernsthafte Verletzungen oder Tötung
nicht auszuschliessen.
Auf keinen Fall darf man mit dem AH Ziehspiele machen, da man stets
verlieren würde und seine Veranlagungen des Kämpfens zum
Durchbruch kämen.
Wichtig sind die ersten drei bis vier Jahre - es gelten die gleichen
Gründe wie bei einem Kind: Stete Aufmerksamkeit ist angesagt.
Der Hund ändert laufend sein Wesen und Verhalten.
Gleichaltrige Kleinkinder und anatolische Hirtenhunde passen nicht
zusammen (nicht wegen der Unverträglichkeit, aber man denke allein
an das Hundegewicht). Ich habe viele Bilder mit Kindern und HA gesehen,
die belegen, dass es gut zwischen ihnen geht. Es dürfte klar
sein, wer auf wen aufpasst. Bei Kindern mit AH manifestiert sich übrigens
meine Philosophie, dass der Umgang mit Hunden primär eine mentale
Angelegenheit ist, und dass Kraftmeierei ("wer ist hier der Boss
- parierst du nicht sofort, so werde ich böse, brülle, zerre
an der Leine, schlage oder trete dich nötigenfalls, greife gar
zum Elektrostab") besonders bei der Mensch-AH-Beziehung absolut
nichts zu suchen hat!
Aus erklärlichen Gründen eignet sich der Hund auch nicht
für Menschen, die sofort Direkthilfe von Drittpersonen brauchen
(wie Diabetiker und Epileptiker). Der Hund würde in diesen Notfällen
lebenswichtige Körperkontakte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht
erlauben, da er glaubt, seinen Menschen verteidigen zu müssen
Ein Wort zur Kastration: Kastrierte anatolische Hirtenhunde sind erheblich
leichter zu führen, das sonst oft gesehene Rüdengehabe kastrierter
Hunde - wie Aufsitzen, wie wir sie u. a. von den Schäferhunden
kennen - entfällt bei ihnen. Auch nach der Kastration bleibt
ein AH ein stolzer und selbstbewusster Hund, der wirklich niemanden
etwas beweisen muss. Oder umgekehrt ausgedrückt: Ein nicht kastrierter
AH ist stets das unangefochtene Oberhaupt einer Hundemeute - der aufständische
Hund hätte nicht lange zu leben.
Der Hund ist übrigens pflegeleicht - auf tägliches Bürsten
und Baden kann man hier besonders gut verzichten.
Wenn Sie sich einen AH zutun wollen (resp. so glücklich sind,
sich diesen Wunsch erfüllen zu können), sollten Sie sich
einen Züchter aussuchen, der Ihnen auch nach dem Kauf mit Rat
und Tat zur Seite steht und der ebenso stets bereit ist, den Hund
aus jedem denkbaren Grund wieder zurückzunehmen. Kommt er mit
juristischen Spitzfindigkeiten, so lassen Sie besser die Finger vom
Kauf - meist geht es ihm nur ums Geld.
Betreffs Preise: Gute Hunde sind (in Deutschland) bereits ab 600 EURO
erhältlich (in der Schweiz sind mir keine Züchter, jedoch
einige vereinzelte Hundehalter bekannt), der Hund kann aber je nach
Abstammung auch bis gegen 8'000 Franken und mehr kosten. |